Das Wolfsrudel in der Natur
 

Dominanz: Fast schon wie ein Schreckgespenst geistert dieses Wort durch die Hundwelt. Dazu gehört das Bild vom Rudeltier Hund, das gleich seinen Vorfahren, den Wölfen, in streng hierarchischen Strukturen eingeordnet ist und dessen höchstes Ziel es ist, nach oben zu kommen und um Dominanz zu konkurrieren - auch im Zusammenleben mit uns Zweibeinern.

Dieses Bild verankert sich in zahlreichen Ausbildungskonzepten: der Hund, der nur dann gehorcht, wenn seine Position im Rudel klar definiert ist. Der Hund, der untergeordnet werden muss, damit das Zusammenleben funktioniert. Der Hund, der nur dann frei von Problemen im Umgang mit Menschen und Artgenossen ist, wenn er gezeigt bekommt, wo er im Rudel steht.

Die Klärung der Rangordnung dient als vermeintlicher Lösungsansatz für eine Vielzahl von Hundeproblemen - und besitzt nicht selten den Charakter einer Universallösung. Sie ist leicht zu verstehen und klingt nachvollziehbar. Besserung bringen sollen meist Rituale wie "als Erster durch die Tür gehen", den Hund immer als Letztes mit Nahrung versorgen, ab sofort nicht mehr das Sofa oder Schlafzimmer mit ihm teilen, ihm das Futter häufiger wegnehmen oder ihn unterwerfen, wenn er sich augenscheinlich aufmüpfig gegenüber Artgenossen und Menschen aufführt.

 

Ergebnisse neuerer Forschung zeigen, dass diese Sicht der Dinge jeder wissenschaftlicher Grundlage entbehrt: Sie stellen das althergebrachte Bild vom Hund und seinem Zusammenleben mit Artgenossen und uns gründlich auf den Kopf.

To

Theorie: Wolfsrudel

Bestimmt kennen Sie die Geschichte von der dominanten Alphahündin und dem dominanten Alpharüden, die gemeinsam das Rudel anführen? Das Leben im Rudel ist hart. Gewonnene Ränge müssen ständig gegenüber Konkurrenten aus den eigenen Reihen verteidigt werden. Mit anderen Worten: Jeder im Rudel will nach oben kommen - und wer etwas sein will, muss den anderen stets seine Vormachtstellung und Dominanz demonstrieren. Das zumindest ist - vereinfachend gesagt - die Vorstellung, die wir Menschen bislang von den Geschehnissen im Wolfsrudel hatten, und die wir entsprechend auf unsere Hunde als "Erben der Wölfe" im Zusammenleben mit uns übertragen haben.

Praxis: Wolfsrudel

Aber: Wir können das getrost vergessen! Die Beobachtungen, aus denen diese Erkenntnisse hervor gingen, sind an Wölfen gemacht worden, die in Gefangenschaft lebten: in Gruppen, die in beengten Verhältnissen leben mussten, die häufig unter Futterknappheit litten und die vom Menschen willkürlich zusammen gesetzt worden sind. Keine guten Voraussetzungen für eine friedliche Wohngemeinschaft. Dass Stresslevel und Aggressionsniveau entsprechend hoch waren, muss nicht verwundern. Kaum zu glauben, aber wahr: In frei lebenden Rudeln sieht das ganz anders aus.

Die Verbreitung neuerer Erkenntnisse über das Zusammenleben von Wölfen verdanken wir vor allem den Amerikanern David Mech und Raymond und Lorna Coppinger und den Deutschen Karin und Günther Bloch.

In jahrelanger Forschungsarbeit fanden diese heraus:

Wolfsrudel in Freiheit bestehen stets aus Familienverbänden, mit Wolfseltern und ihrem Nachwuchs in verschiedenen Altersstufen. Und genau so wie in einer Familie geht es in diesen Rudeln auch zu: Die "Leitwölfin" und der "Leitwolf" sind keinesfalls strenge Autoritäten, die ihren Rang gegenüber der Konkurrenz verteidigen, sondern nichts anderes als liebevolle und fürsorgliche Eltern.

Das Zusammenleben im Wolfsrudel ist eine sehr friedliche Sache: Der Nachwuchs hat quasi Narrenfreiheit und genießt vielfältigste Privilegien: Die jungen Wölfe dürfen wild spielen, ohne zurecht gewiesen zu werden. Sie dürfen zu den Erwachsenen gehen und um Futter betteln. Diese akzeptieren das und würgen teilweise sogar Futter wieder hervor, wenn sie dazu aufgefordert werden. Übrigens zeigten sogar Beobachtung in einem schlecht gehaltenen Wolfsrudel in Gefangenschaft, dass selbst in Zeiten von Futternot die erfahrensten, älteren Tiere ihren Nachkommen Futter abgeben. Sogar erwachsene Nachkommen werden im Notfall noch von den Wolfseltern versorgt. Ranghoch zu sein, hat also in erster Linie etwas damit zu tun, sich um das Wohlergehen der Rudelmitglieder zu kümmern.

Zurechtweisungen kommen im Wolfsrudel sehr selten vor. Nur im Ausnahmefall werden dem Nachwuchs die Grenzen gezeigt - und wenn, dann geschieht dies völlig gewaltfrei und so gut wie ohne Körperkontakt. Falls eine Zurechtweisung nötig ist, knurrt das Elterntier. In aller Regel reicht das aus. Wirkt das wider Erwarten nicht, öffnet der erwachsene Wolf den Fang, legt ihn ganz leicht über den Fang des Wolfskindes und drückt ihn leicht nach unten. Dies alles ist völlig schmerzlos und gewaltlos und die einzige - und darüber hinaus äußerst seltene - Art, wie Wölfe ihre Nachkommen korrigieren.

Wenn sich ein Wolf einem anderen unterwirft, tut er das freiwillig. Erzwungen wird eine Unterwerfung im Rudelalltag nicht. Freiwillige Unterwerfungsgesten fördern den freundlichen Umgang miteinander und bestehen häufig aus dem Lecken der Schnauze des anderen Tieres (was übrigens häufig im Zusammenhang mit Futterbetteln auftritt und vom anderen Tier dadurch beantwortet wird, dass es Futter hervorwürgt) oder dem sich auf die Seite oder auf den Rücken Drehen, damit das andere Tier an den Genitalien oder in der Leistengegend schnuppern kann.

Insgesamt sind Wölfe Meister im Konfliktlösen. Sie vermeiden Auseinandersetzungen, wann immer es geht. Ernstkämpfe sind die absolute Ausnahme. David Mech hat innerhalb von 13 Jahren Wolfsbeobachtungen auf dem Kanadischen Ellesmere Island keinerlei Dominanzstreitigkeiten mit anderen Wölfen beobachtet.

Übrigens: Kein Anführer eines Wolfsrudels kann seine Schutzbefohlenen zu etwas zwingen. Kooperation geschieht freiwillig, Gehorsam spielt im Wolfsrudel keine Rolle.